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"Würde meine Medaille in 12 Stücke sägen!"

(März 2005) 31 Teams aus dem In- und Ausland nahmen in Köln am Bernd-Best-Turnier, dem größten Rollstuhl-Rugby-Event der Welt teil. Outrun unterhielt sich mit Orgachef Norbert Leisten und seiner Frau Yvonne im Vorfeld über das Rugby-Highlight.

OUTRUN: MIT 31 TEAMS IST DAS KÖLNER BERND-BEST-TURNIER AUCH DIESMAL WIEDER DER GRÖSSTE ROLLSTUHL-RUGBY-EVENT DER WELT. WO LIEGEN DIE ORGANISATORISCHEN HERAUSFORDERUNGNE?

NORBERT:
Wir haben ca. 200 Helfer, die in dieses Turnier eingebunden werden müssen: Anschreiber, Schiedsrichter, Fahrer für den Transport, Leute fürs Catering, helping Hands für technische Aufbauten, Stromversorgung und so weiter. Nicht zu vergessen die Fetencrew für die Freitag- und Samstagabend-Party. Jede der drei Hallen hat ihr eigenes Turnier- und Registrierungsbüro und einen Verantwortlichen für den Zeitablauf, der rund um die Uhr im Dienst ist. Hinzu kommen unser virtuelles Anmeldesekretariat, die Betreuer unseres Internetportals und natürlich auch ein Team, das sich um die Finanzen kümmert, sprich ums Sponsoring. Ein technisches Komitee ist für die spielspezifischen Belange zuständig. Diese ganzen Bereiche sind in zwölf Abteilungen gegliedert…

YVONNE: …und die größte Herausforderung ist, die emotionalen Befindlichkeiten der Orgaleute zu beachten und zu pflegen…

NORBERT: …ja richtig. Es sind eben alles Ehrenamtler, die sich zwar diesem Geist des Bernd Best verschrieben haben und hoch motiviert sind, aber trotzdem Menschen mit ganz normalen Befindlichkeiten sind. Zu den besonderen Herausforderungen gehört auch, die Kohle zum richtigen Zeitpunkt zusammenzukriegen. Die Entscheidungen für ein Sponsoring fallen immer sehr spät, mitunter erst drei bis vier Wochen vor dem Turnier. Aber ein großer Teil des benötigten Geldes wird schon viel früher verplant und ausgegeben. Das geht natürlich nur mit einem starken Partner im Rücken wie dem Behindertensport-Verband NRW. Er hat den Wert des Turniers erkannt und in Sachen Finanzierung wird vertrauensvoll miteinander umgegangen.

OUTRUN: IST FÜR DAS BERND BEST-TURNIER MIT 31 MANNSCHAFTEN DAS TEILNEHMERLIMIT ERREICHT? GAB ES MEHR ANFRAGEN ALS STARTPLÄTZE?

NORBERT:
Dieses Jahr sind wir unter dem Limit. Im vergangenen Jahr hatten wir das Limit erreicht mit 36 Mannschaften. Bei mehr Teams müssten wir eine dritte Halle aufmachen, was ich auch machen würde zur Not. Aber das ist immer so ein Sprung, wenn es 40, 42 Mannschaften wären, würde sich das lohnen. Beim BB für Rollstuhlbasketball lag das Limit bei 64 Mannschaften. Das wäre für uns natürlich der Hammer. Ich weiß nicht, ob ich das gut finden würde, aber ich würde mich der Herausforderung gerne stellen. Die Frage wäre doch: Könnte man die Stimmung halten? Das Besondere beim BB ist, dass Menschen Sport machen, aber auch in menschlichen Kontakt treten. Die Frage wäre, ob sich das bei so vielen Teams noch realisieren ließe.

OUTRUN: IN EINSCHLÄGIGEN INTERNETFOREN WAR ZU LESEN, DIE STARTGEBÜHREN SEIEN BEIM BB ZU HOCH UND DESWEGEN WÜRDEN EINIGE ANMELDUNGEN DEUTSCHER TEAMS FEHLEN.

NORBERT:
Ein spannendes Thema. Die Kosten für die Teilnehmer sind seit drei Jahren eingefroren. Obwohl mehr Mannschaften teilgenommen haben, und alles immer teurer wird, sind die Gebühren mit 50 Euro pro Teilnehmer konstant geblieben. Die Preise für das Catering auf dem Turnier haben wir immer billig gemacht, da sind wir heute so billig wie noch nie. Komischer weise empfinden die ausländischen Teams die Gebühr als ganz normal, aber in Deutschland scheint die Finanzierung zunehmend problematisch zu sein. Die Teilnehmergebühren finanzieren das Turnier nur zu einem Drittel, zwei Drittel werden durch Sponsoren und Förderer erbracht. Ich denke ein Grund für den Unmut wird sein, dass die Vereine durch den Wegfall der Rehaförderung immer weniger Geld haben. Aber wir werden der Sache Rechnung tragen und in Zukunft einen Frühbucherrabatt einführen. Wer sich bis zum 1. Dezember 2005 für 2006 anmeldet, wird einen verbilligten Tarif bekommen, um die 35 Euro. Wenn wir früher wüssten, wer alles teilnimmt, könnten wir wirtschaftlicher arbeiten. Der neue Termin fürs nächste Jahr ist der 7. bis 9. April. Ein weiterer Grund für die geringeren deutschen Meldungen ist auch, dass die Lage im deutschen Rollstuhlsport wie immer sehr zäh ist. In vielen Teams hängt die Verantwortung für die Meldung oft bei einer einzigen Person, wenn die in dem Jahr nicht kann, kommt direkt die ganze Mannschaft nicht.

OUTRUN: NACH WELCHEM PUNKTESYSTEM SPIELT IHR BEIM BB?

NORBERT:
Wie in den letzten Jahren wird in der Champions League mit acht Punkten gespielt, in der Professional, Advanced und Basis League mit sieben Punkten und einem Punkt Frauen-Bonus.

OUTRUN: WOFÜR IHR EUCH AUCH KRITIK EINHANDELT.

NORBERT:
Wenn wir uns mal die Auswertungen vornehmen, dann sehen wir, dass bei uns jede Menge Low-Points und Frauen ins Spiel integriert sind. Bei der Champions League sieht man, dass die Low-Points unterproportional und fast keine Frauen zum Einsatz kommen.

OUTRUN: WIE IST DIE ENTWICKLUNG IN DEN EINZELNEN SPIELKLASSEN? GAB ES 2004 EINEN SENKRECHTSTARTER?

NORBERT:
In der Champions League herrscht ein super internationales Niveau. Dort wird Spitzensport geboten. Das hat zur Konsequenz, dass nur wenige Fluktuation vorhanden ist. Ich habe auch den Eindruck, dass die Anzahl der Teams im Spitzensport nicht wirklich ansteigt. Der Pyramideneffekt wird immer deutlicher. In der Advanced-Klasse haben wir immer mehr Anmeldungen. In der Basis League ist das wieder etwas anderes, da müssen sich die Teams erstmal trauen, für ein solches Turnier zu melden, obwohl sie noch in den Anfängen stecken. Beispiel Greifswalter Rollmöpse: Die ersten Jahre wurden sie in der Basisliga nur verprügelt, im letzten Jahr haben sie die Basis League gewonnen, und 2005 starten sie in der Advanced. Das zeigt eine gesunde Vereinsarbeit und kontinuierliche Aufbauarbeit. Ich hoffe, dass die Alligators II die Basisliga diesmal endlich mal gewinnen. In der Vergangenheit hatten wir Teams wie Wildungen und Koblenz mit Spielern aus unserem Bereich aufgefüttert, so dass diese überhaupt starten konnten.

OUTRUN: NEHMEN DIESMAL WIEDER GANZ FRISCHE TEAMS TEIL?

NORBERT:
Nein, absolute Youngsters habe ich noch nicht entdeckt.

OUTRUN: DAS RIESIGE BB-BASKETBALLTURNIER VERLOR IM LAUFE DER ZEIT DURCH DIE BILDUNG DES LIGA-SPIELBETRIEBS IMMER MEHR AN BEDEUTUNG. WIRD DIE RUGBY-VERSION DEINER MEINUNG NACH IRGENDWANN DASSELBE SCHICKSAL EREILEN?

NORBERT:
Nach 27 Jahren könnten bei uns schon, wie beim Bernd-Best-Turnier für Basketball, Ermüdungserscheinungen auftreten, das will ich nicht ausschließen. Im Moment sehe ich das nicht kommen.

OUTRUN: NORBERT, ALS SPIELER WURDEST DU AUCH SCHON MAL WEGEN PÖBELNS VOM SCHIEDSRICHTER DES FELDES VERWIESEN. WAS SIND DEINE HERAUSRAGENDEN EIGENSCHAFTEN ALS ORGA-CHEF?

NORBERT:
Dass ich es schaffe, auch wenn ich pöbele, noch immer so etwas wie der Motor bei dem Turnier zu sein und es mir gelingt, Ehrenamtler zu motivieren, selber wichtige Promotoren zu sein. Eigentlich bin ich der Meinung, dass andere beim Bernd Best viel mehr arbeiten und viel besser als ich.

YVONNE (UNTERBRICHT KURZ IHR EIGENES GESPRÄCH UND WENDET SICH UNS ZU): Norbert, hast Du schon von dem Tag beim Bernd Best erzählt, an dem mehr Promille als Punkte auf dem Feld waren?

OUTRUN: NATÜRLICH NICHT, VON NORBERT BEKOMME ICH NUR POLITIKERANTWORTEN. ABER MAL WAS ANDERES: DU WIRST IN DIESEM JAHR FÜR DEINE ARBEIT MIT EINEM PREIS AUSGEZEICHNET?!

NORBERT:
Ja, ich bekomme den Sportler-Ehrenpreis des DRS des Jahres 2004 verliehen. Ich denke nur stellvertretend, und falls es eine Medaille gibt, werde ich sie in zwölf Stücke sägen und jedem Abteilungsleiter ein Stück abgeben. Aber es ehrt mich, dass die kontinuierliche Arbeit im Rugby anerkannt wird, und das macht es einem auch schwer, aufzuhören.

Das Interview führte Franco Erschbaumer