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Der Profi

(März 2006) Andreas Timm ist der Profi der Fußball-Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung, auf dem Platz und vor der Kamera. Outrun besuchte den 31-Jährigen in der Heimstatt Engelbert im Essener Stadtteil Frillendorf.

Pressetermin auf Schalke: Fußballstar Gerald Asamoah wird als Ehrenmitglied n den FC Leidenschaft aufgenommen, den Fan-Club der deutschen Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung. Andreas Timm überreicht Asa medienwirksam Schal und T-Shirt. „Und jetzt kriegst Du von mir ein Autogramm!“, legt Timm noch großzügig eins drauf. Alle freuen sich. Und anschließend stellt Asamoah leicht verblüfft fest: „Das ist das erste Autogramm, das ich bekommen habe.“

Andreas Timm sagt von sich selbst, er würde zur Maschine, sobald er den Fußballplatz betritt. Er sagt, dann würde es ihm ungefähr so ergehen wie Sylvester Stallone in dem Truckermovie „Over the top“: „Wenn ich die Mütze umdrehe, werde ich zum Diesel-Truck“. Einen ähnlichen Effekt scheint es bei dem 31-Jährigen Essener zu haben, wenn Mikrofone auf ihn gerichtet sind. Timm ist auf seine Art sehr schlagfertig, nämlich mit Worten. Die griffigen Sprüche diktiert er den Journalisten geradezu druckreif in den Notizblock. Vor laufender Kamera bricht sich der Kicker keinen ab, wie man das gewöhnlich von hoch dotierten Bundesligafußballern kennt, die, äh, ja gut, versuchen wie der Franz Beckenbauer die Sätze zu formulieren. Und dabei freilich vergessen, dass es nicht die Grammatik war, durch die er zur Legende wurde. „Ich weiß, dass ich eine Lernbehinderung habe“, sagt Timm, „aber ich bin deswegen nicht blöd.“

Kein anderer Spieler der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung hat so viel Medienerfahrung wie Timm, man könnte auch sagen Routine. Als ich Timm in der Heimstatt Engelbert im Essener Stadtteil Frillendorf besuche, um den Nationalkicker beim Holzfällen zu fotografieren, muss ich mir leider sagen lassen, dass vor mir bereits zwei, drei Kamerateams sowie eine Handvoll Fotografen auf die se einzigartige Idee für ein Motiv gekommen waren. „Ich weiß nicht, ob noch Holz da ist“, sagt Timm, und schnappt sich die Axt.

Natürlich sind es nicht nur Timms Gelassenheit und flotte Sprüche, die gerade ihn zum bekanntesten Fußballer der Nationalmannschaft um Trainer Willi Breuer gemacht haben. „Dass Timm die meisten Interviews gibt, hat auch praktische Gründe“, erklärt Teammanager Wolfgang Warnke. Wer weiß schon bei einem Ahmet Demir, wo der sich gerade rumtreibt? Wer kann genau sagen, ob er in der Woche trainiert oder nicht? Bei Timm gibt es keine solche Überlegungen. Wolfgang Warnke ist neben seiner Arbeit als Manager der Nationalmannschaft auch noch Gruppenleiter im Pädagogischen Dienst in der Heimstatt Engelbert – oder war es umgekehrt?! Jedenfalls führen die räumliche und wohl auch persönliche Nähe zwischen Timm und Warnke dazu, dass die Öffentlichkeitsarbeit der beiden in Sachen Fußball-Weltmeisterschaft so gut klappt. „Vor allem“, lobt Warnke seinen Schützling, „hat Andreas die professionellste Einstellung.“

Seit 1994 ist Timm im deutschen Nationalteam. Seitdem hat er bei keiner WM oder Europameisterschaft gefehlt. Er selbst kann sich noch gut an den Augenblick erinnern, er arbeitete damals noch nicht in der Landschaftspflege, sondern in der Großküche, als Wolfgang Warnke ihn ansprach: „Möchtest Du nicht `ne WM spielen?“ Und nach der ersten Reaktion „Wollt ihr mich verarschen“ kam dann die große Euphorie.

Sport hat Timm schon immer getrieben. Früher gab es neben dem Fußball noch die Leichtathletik. Die Wurfdisziplinen hatten es ihm angetan. Der gebürtige Hamburger ist von athletischer Statur und bringt mit seinen 1,85 Meter stets zwischen 88 und 90 Kilo auf die Waage. Gegnerische Stürmer haben vor dem zuletzt eher defensiv eingesetzten Spieler entsprechenden Respekt. „Ich werde oft gefragt, ob ich ins Fitness-Studio gehe“, sagt Timm, „aber das kommt bei mir alles vom Sport und von der Arbeit.“ Bäume fällen, schwere Stämme anheben und tragen – das geht ganz schön in die Oberarme.

Zur WM 2006 im eigenen Land ist Timms Statement ganz deutlich: „Ich will was erreichen. Ich habe mir einiges vorgenommen.“ Seine größten Momente als Fußballer hatte der Kreisliga A-Spieler (früher auch Bezirksliga) bei der Weltmeisterschaft in Japan. Erstens wegen der Atmosphäre, und „wann kommt man schon mal für drei Wochen nach Japan?“ Auch die Partie Holland gegen Deutschland bei der WM 1994 war für ihn und das gesamte Team etwas ganz Besonderes. Die Zuschauerkulisse war riesig, und die Stimmung ebenso. Das waren Eindrücke, die kann man Timm nicht mehr nehmen, die haben sich in die Erinnerung gebrannt.

Die WM 2006 soll der Höhepunkt in der Karriere von Andreas Timm werden. Dazu gehört natürlich, dass er im Finale in der BayArena auf dem Platz stehen will. Ein durchaus realistisches Ziel: „Wir sind in einer ähnlichen Situation wie Klinsmann“, vergleicht Warnke, „wir müssen die Vorrunde überstehen, dann ist nach oben und unten alles offen.“ Zumindest wenn die Deutschen nicht gleich in der ersten Runde auf die Mannschaft aus England treffen sollte.

Was die Einstellung betrifft, könnte sich mancher Nationalspieler um Jürgen Klinsmann von Timm eine dicke Scheibe abschneiden. Timm ist stolz darauf, „den Bundesadler auf der Brust zu tragen.“ Und er vermag diesen Stolz auch glaubhaft rüberzubringen. Und wenn man Timm so hört, wird man automatisch an die guten alten Zeiten erinnert, die nur die Ältesten von uns noch selbst miterlebt haben. Und in denen Fußball noch Fußball war, und sonst nichts.

Dabei ist auch Timm ein bisschen ein Star. „Du bist doch der Andreas Timm?!“, wurde er auf der Straße schon mehrfach von Leuten angesprochen, die ihn aus Zeitungsberichten wieder erkannt haben. Mitglieder des kürzlich gegründeten FC Leidenschaft gehen auf den Kicker zu und bitten ihn um ein Autogramm. Und Heimmitbewohner, auch das gehört zum Berühmtsein wohl dazu, ziehen ihn auf und machen sich über seinen Trainingsanzug lustig.

Andreas Timm wäre nicht er selbst, wenn er darauf nicht mit einem passenden Spruch zu kontern wüsste. Bei einem Thema wird er jedoch auffallend still: Timm lebt seit 15 Jahren in Essen, ist damals aus Hamburg gekommen. Er ist praktisch in Heimen aufgewachsen. „Das hier ist jetzt mein elftes“, sagt Timm. Über diesen Teil seiner Vergangenheit mag er nicht so gerne reden. Franco Erschbaumer